25
Jahre Mülheimer Kontakte
•
Ein Zuhause und gute Freunde sind die beste Medizin •
Der
Anfang:
ein
Patientenclub
“Endlich war jemand da, mit dem ich reden konnte!”
1975 begann die Arbeit der “Mülheimer Kontakte”.
Den
Anfang macht ein ambulanter Patientenclub im Gemeindehaus “Martin-Luther-Haus”
der evangelische Altstadtgemeinde Mülheim. Ehrenamtliche leisten
hier erste Hilfe. Psychisch Kranke erhalten von ihnen Zuspruch,
können sich mit anderen austauschen. Es wird außerdem ein Besuchsdienst
für Patienten in den Landeskrankenhäusern angeboten. Dem ersten
Patientenclub folgt bald ein zweiter, da das Bedürfnis nach Austausch
groß ist.
1979/80
wird ein Treffen für Angehörige von psychisch Kranken durch eine
Angehörige eingerichtet. Diese Gruppe trifft sich alle 4 Wochen
bis 1991, eine professionelle Mitarbeiterin die Leitung im Zuge
der Eröffnung des “Sozialpsychiatrischen Zentrums” übernimmt.
Betreutes
Wohnen (BeWo)
“Hier fühle ich mich wohl!”
1982
folgte ein entscheidender Schritt für die gemeindenahe Versorgung.
Der Verein richtet die erste betreute Wohngemeinschaft an der Aktienstraße
für psychisch kranke Menschen ein.
1985
werden die Mülheimer Kontakte ins Förderprogramm des Landschaftsverbandes
Rheinland und der Stadt Mülheim an der Ruhr aufgenommen.
Es werden daraufhin zwei weitere Wohngemeinschaften in der Oberstraße
45 eingerichtet mit 3 bzw. 4 Plätzen.
1989
nachdem die Wohngemeinschaft an der Aktienstraße aufgegeben werden
muß, kauft der Verein ein altes Pfarrhaus an der Beutherstraße.
Diese Wohngemeinschaft bietet 8 BewohnerInnen einen neuen Lebensraum.
1992 werden
weitere 6 Plätze genehmigt, jedoch können keine Wohngemeinschaften
entstehen, da der Verein keinen Wohnraum findet. Die sechs neuen
Klienten werden im “Betreuten Einzelwohnen” betreut.
1996
folgen erneut zwei Wohngemeinschaften mit je 3 Plätzen. Der Verein
mietet eine Wohnung an der Mellinghoferstraße 241 und eine weitere
am Grüner Weg 22 an.
Heute bietet der Verein insgesamt 36 Betreuungsplätze, aufgeteilt
in 21 Wohngemeinschafts- und 15 Einzelbetreuungsplätze.
Das
Betreute Wohnen ist eine ambulante Wohnform, die sich an chronisch
psychisch kranke Menschen richtet die vorübergehend zu keiner eigenständigen
Lebensführung in der Lage sind. Die BewohnerInnen werden hier zwar
kontinuierlich fachlich betreut, sollen jedoch so unabhängig wie
möglich leben und stufenweise wieder an ein eigenverantwortliches
Leben herangeführt werden.
Die
Geschichte eines WG-Bewohners
Thomas
M. gehört zu den ersten, die in eine solche Wohngemeinschaft einziehen:
“Ich fühle mich wohl hier.” Seine sieben Mitbewohner nicken zustimmend.
Auch sie sind froh, hier eine Bleibe gefunden zu haben. Mario Rommel
zum Beispiel: “Für mich ist es das erste Mal in meinem Leben, daß
ich ein Gefühl von Geborgenheit habe, außer ganz am Anfang, bei
meinen Eltern. Und hier habe ich wieder ein Stück Selbständigkeit
gewonnen. Wir versorgen uns alle selbst und wir sorgen füreinander.”
Einer kauft ein, einer wäscht ab oder putzt Bad und Küche. Für ihre
Zimmer sorgen sie alleine. Und wenn einer mal seine Medikamente
vergißt, erinnert ihn ein Mitbewohner sicher daran. Eine Art neue
Lebensfamilie für die nächsten Jahre. Wer fit genug ist, zieht dann
in eine eigene Wohnung – mit oder ohne Betreuung.
Thomas
M. ist 45 Jahre alt und chronisch psychisch krank. Fast zwanzig
Jahre schon. Er hört Stimmen in seinem Kopf. Manchmal sind es zwanzig
gleichzeitig. Manche von ihnen kennt er. Verfolgungswahn, paranoide
Psychose, lautet die Diagnose. Es fiel auf, daß Thomas M. sich mit
diesen Stimmen unterhielt. Sein Arbeitgeber benachrichtigte das
Gesundheitsamt, der psychiatrische Dienst kam vorbei und empfahl
einen Besuch beim Psychiater. Eine ambulante Behandlung schloß sich
an. Die Störung war aber so massiv, daß er in den nächsten Jahren
mehrmals für einige Monate in die Klinik mußte. Arbeiten konnte
Thomas M. nicht mehr. Die Abstände zwischen den Klinikaufenthalten
und der Zeit, die er Zuhause verbrachte, wurden immer kürzer. Irgendwann
stand fest, daß er auch nicht mehr alleine leben konnte. Er brauchte
eine Betreuung rund um die Uhr. 1982 zog er mit fünf anderen zusammen
in eine Wohngemeinschaft, die von Mitarbeitern der “Mülheimer Kontakte”
intensiv betreut wird. In diesem geschützten Rahmen lernte er wieder,
seinen Alltag zu gestalten und zu bewältigen und am sozialen Leben
teilzunehmen. Dazu gehört auch, daß er täglich acht Stunden in der
Werkstatt des Fliednerwerkes am Kassenberg arbeitet.
Seitdem
war er nur noch zweimal in der Klinik, das letzte Mal 1986. Stimmen
hört er auch heute noch, aber mittlerweile kann er damit umgehen.
Das
Sozialpsychiatrische Zentrum (SPZ)
Aus
dem Patientenclub entwickelte sich 1989/90 die Kontakt- und
Beratungsstelle, die mit einer ABM Stelle gefördert wird.
Diese, bietet ein Café für psychisch kranke Mülheimer in Räumlichkeiten
an der Teinerstraße an. Seit Mitte 1991 hat die Kontakt- und
Beratungsstelle “MüKon” ihren Sitz im Gemeindehaus “Martin-Luther-Haus”
der evangelischen Altstadtgemeinde.
1991
verdichtet sich das gemeindepsychiatrische Netz in Mülheim.
Der
Verein “Mülheimer Kontakte” gründet gemeinsam mit dem “Caritasverband”
das Sozialpsychiatrische Zentrum, kurz SPZ genannt.
Bei dem Verein Mülheimer Kontakte sind folgende Bausteine angegliedert:
•
Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon” •
•
Berufsbegleitender Fachdienst (BBD) •
•
Betreutes Wohnen (BeWo) •
Beim
Caritasverband Mülheim ist eine weitere Kontakt- und Beratungsstelle,
die Tagesstätte für psychisch Behinderte sowie Arbeitsmaßnahmen
angegliedert.
Beide Träger werden laut Kooperationsvertrag mit je einer halben
Stelle vom LVR Rheinland gefördert.
1992
folgen dann noch mal zwei halbe Stellen - aufgeteilt auf beide
Träger-, die durch die Stadt Mülheim finanziert werden.
Kontakt- und Beratungsstelle
“MüKon”
Die
Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon” der Mülheimer Kontakte
e.V. berät und betreut akut und chronisch psychisch Kranke, Angehörige
und Menschen in seelischen Notsituationen. Sie arbeitet mit den
ambulanten und teilstationären Diensten in der Gemeinde zusammen
und vermittelt zu niedergelassenen Ärzten oder gemeindenahen Kliniken.
Darüber hinaus bietet sie Einzel- und Gruppengespräche an, hilft
bei Arzt- oder Ämterbesuchen, bietet lebenspraktisches Training
und organisiert Kultur- und Freizeitangebote.
Die Gruppe für Angehörige, das Psychoseseminar, in dem sich Betroffene,
Angehörige und Mitarbeiter im Trialog austauschen, eine psychosoziale
Sprechstunde, Pegasus - eine Gruppe um Präventionsmöglichkeiten
bei psychotischen Erkrankungen zu erarbeiten- ,das Frühstückscafé
sowie die Ferienfreizeiten ergänzen das Angebot.
Seit
1993 bringt das SPZ (Caritasverband e.V. & Mülheimer
Kontakte e.V.) gemeinsam mit Betroffenen die Patientenzeitschrift
“Datt is irre!” heraus. Sie ist ein Sprachrohr für die Belange
psychisch Kranker in Mülheim.
Berufsbegleitender
Fachdienst (BBD)
Seit
Januar 1994 ist der Berufsbegleitende Fachdienst bei
den Mülheimer Kontakten angegliedert.
Aufgabenschwerpunkt
ist die psychosoziale Betreuung und Beratung von Menschen mit seelischen
Problemen oder psychischen Erkrankungen, die im Arbeitsleben oder
einer beruflichen Wiedereingliederung stehen.
Er
vermittelt bei Schwierigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
und versteht sich als Partner, sowohl der schwerbehinderte Arbeitnehmer
als auch der Arbeitgeber.
Durch
seinen Einsatz können oftmals Probleme beseitigt, Kündigungen vermieden
und so eine Verschlimmerung der Krankheit aufgehalten werden.
Zusätzlich
wird Beratung und Fortbildung von Arbeitgebern/betrieblichen Helfern
in Fragen psychischer Behinderungen und ihre Auswirkungen auf den
Arbeitsplatz angeboten.
Dieser Fachdienst
wird von der Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland
finanziert und koordiniert.
Heute
Innerhalb
des “Sozialpsychiatrischen Zentrums” ist der Mülheimer Kontakte
e.V. mit drei gemeindepsychiatrischen Bausteinen für die Stadt Mülheim
an der Ruhr etabliert:
Kontakt-
und Beratungsstelle “MüKon”
Frühstückscafe
Beratungs-
und Betreuungsangebote
Kultur-
und Freizeitangebote
Angehörigenhilfe
Pegasus
– Gruppe
Psychoseseminar
(in Kooperation mit der Tagesklinik
Mülheim)
Ferienfreizeiten
etc..
Betreutes
Wohnen (BeWo)
21
Wohngemeinschaftsplätze
15
Plätze im betreuten Einzelwohnen
Berufsbegleitender
Fachdienst (BBD)
Auftragsfachdienst
der Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland.
Kein
Ruhmesblatt: Die Vorgeschichte der Gemeindepsychiatrie
1975
war die psychiatrische Versorgung in Mülheim schlichtweg unzureichend.
Lediglich zwei niedergelassene Psychiater kümmerten sich um die
Patienten. Akutfälle wurden in die Krankenhäuser nach Ratingen oder
Essen überwiesen. Chronisch Kranke kamen in eines der zehn Landeskrankenhäuser
des Landschaftsverbandes Rheinland. Die Mülheimer Langzeitpatienten
kamen in die Großklinik Bedburg-Hau am Niederrhein.
Dort
lebten noch zu Beginn der achtziger Jahre 3.000 Patienten unter
unwürdigen Bedingungen. Von einer Intimsphäre konnte in den Krankensälen
keine Rede sein; wohnen, arbeiten und Freizeit – alles nur im Klinikbereich;
an eine persönliche Betreuung war nicht zu denken. Die Patienten
blieben dort meist auf Lebenszeit. Ziel war die zentralisierte Versorgung
in einem geschützten Rahmen außerhalb der Gesellschaft. Die Sorge
lag in den Händen der Wohlfahrtspflege. Städte und Gemeinden fühlten
sich für psychisch kranke Mitbürger nicht verantwortlich. Ein Konzept
der Jahrhundertwende, das durch neue medizinische und therapeutische
Erkenntnisse längst überholt war.
Dieser
Zustand resultierte aus einem Jahrzehnte währenden Verdrängungsprozeß
nach dem Ende des Naziregimes und dessen verbrecherischem Umgang
mit seelisch Kranken und geistig Behinderten. Im Rahmen der nationalsozialistischen
“Euthanasie” waren fast 100.000 psychisch kranke Menschen ermordet
worden.
Während
benachbarte Länder nach dem Zweiten Weltkrieg ihre kommunale Gesundheitsfürsorge
weiterentwickelten, verharrte man in Deutschland bei der Behandlung
von psychisch Kranken auf dem Stand der zwanziger Jahre. Die Unterversorgung
in Mülheim zu Beginn der siebziger Jahre bildete da keine Ausnahme.
In
guten wie in schlechten Zeiten – das gemeindenahe Konzept
In
dieser stagnierenden Situation erscheint 1975 die “Psychiatrieenquete”.
Sie beschreibt die Lage der Psychiatrie in Deutschland und ist auf
das Drängen einiger weniger Politiker und Fachleute von einer Sachverständigenkommission
verfaßt worden. Der Bericht hält die katastrophalen Bedingungen
fest und formuliert Grundprinzipien für eine Reform: Die stationären
Betten der Großkliniken sollen abgebaut, ein sich ergänzendes ambulantes
und stationäres Versorgungsnetz in den Gemeinden aufgebaut werden.
Die Angebote haben sich dabei an den Bedürfnissen der Patienten
zu orientieren. Damit verlagert sich die Verantwortung von den Landschaftsverbänden
auf die einzelnen Kommunen.
Der
Begriff der “Gemeindepsychiatrie” war geboren. In den kommenden
Jahrzehnten sollte sich die Situation für die Betroffenen entscheidend
– wenn auch schleppend – positiv verändern: Integration statt Isolation,
individuelle Betreuung statt anonymer Behandlung, Förderung statt
Vollversorgung.
Nicht nur gesunden
und körperlich kranken Mitbürgern, sondern auch psychisch Kranken
einen Platz in der Gemeinde zu geben, das ist der tiefere Sinn des
Begriffes “Gemeindepsychiatrie”.
Mülheim
an der Ruhr – ein Konzept wird Wirklichkeit.
Wohnen,
Arbeiten, Beratung, Behandlung und soziale Kontakte – diese Lebensbereiche
sind bei einer wirksamen gemeindenahen Versorgung abzudecken, und
zwar vor Ort. Dann haben die kranken Mitbürger die größten Heilungschancen.
Idealerweise
ergänzen sich die Einrichtungen. Ziel aller Beteiligten ist, die
größtmögliche Selbständigkeit jedes einzelnen Patienten zu erreichen
– beruflich und privat. Insofern versteht sich das gesamte komplementäre
System als Hilfe zur Selbsthilfe.
Allgemeines
Das
gemeindepsychiatrische Netz ist geknüpft, aber es hat noch zu weite
Maschen.
Rein
statistisch ist die ambulante und stationäre Versorgung abgeschlossen.
Aber: Besondere Gruppen fallen weiterhin aus dem Netz heraus. Dazu
gehören psychisch kranke Kinder und Jugendliche, alte Menschen und
mehrfach psychisch Behinderte. Sie müssen wie bisher in anderen
Städten Hilfe suchen. Hier hört der Gedanke der Gemeindepsychiatrie
noch auf.
Verbesserungswürdig
ist auch der häusliche ambulante Bereich. Es fehlt noch ein 24-Stunden-Dienst
zur Krisenintervention. In den Abendstunden oder nach Praxisschluß
ist keine Versorgung mehr vorhanden.
Ein
weiteres Problem sind Wartelisten für Betreuungs- und Arbeitsplätze
und immer knappere finanzielle Mittel – in der öffentlichen Kasse
wie bei den Wohlfahrtsverbänden. Unter diesem finanziellen Druck
ist auch die anfänglich gute Kooperation der Träger schwierig geworden.
Wünschenswert wäre, wenn diese Zusammenarbeit wieder intensiviert
würde. Denn auf ihr und einer guten Kommunikation basiert die optimale
Versorgung der Patienten. Und darum geht’s ja!
Quelle:
(vgl.) Antje Kalbe • Mülheimer Jahrbuch ´99
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