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Jubiläum
 

Wann und Wo?:

• Tag der offenen Tür •

27.10.2000
 16:00 Uhr
Ort: Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”
Hagdorn 1, 45468 Mülheim (Kirchenhügel)

Programm:

Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden
Pfarrer Peter Vahsen

Erfahrungsberichte von KlientInnen, Laienhelfern, Angehörigen

Kunstausstellung von Klienten aus dem “Betreuten Wohnen”

Chor “Psychokiste”, Köln

Imbiss und Getränke

25 Jahre Mülheimer Kontakte

• Ein Zuhause und gute Freunde sind die beste Medizin •

 

Der Anfang:

ein Patientenclub
“Endlich war jemand da, mit dem ich reden konnte!”

1975 begann die Arbeit der “Mülheimer Kontakte”.

Den Anfang macht ein ambulanter Patientenclub im Gemeindehaus “Martin-Luther-Haus” der evangelische Altstadtgemeinde Mülheim. Ehrenamtliche leisten hier erste Hilfe. Psychisch Kranke erhalten von ihnen Zuspruch, können sich mit anderen austauschen. Es wird außerdem ein Besuchsdienst für Patienten in den Landeskrankenhäusern angeboten. Dem ersten Patientenclub folgt bald ein zweiter, da das Bedürfnis nach Austausch groß ist.

 

1979/80 wird ein Treffen für Angehörige von psychisch Kranken durch eine Angehörige eingerichtet. Diese Gruppe trifft sich alle 4 Wochen bis 1991, eine professionelle Mitarbeiterin die Leitung im Zuge der Eröffnung des “Sozialpsychiatrischen Zentrums” übernimmt.

 

Betreutes Wohnen (BeWo)
“Hier fühle ich mich wohl!”

1982 folgte ein entscheidender Schritt für die gemeindenahe Versorgung. Der Verein richtet die erste betreute Wohngemeinschaft an der Aktienstraße für psychisch kranke Menschen ein.

1985 werden die Mülheimer Kontakte ins Förderprogramm des Landschaftsverbandes Rheinland und der Stadt Mülheim an der Ruhr aufgenommen.
Es werden daraufhin zwei weitere Wohngemeinschaften in der Oberstraße 45 eingerichtet mit 3 bzw. 4 Plätzen.

1989 nachdem die Wohngemeinschaft an der Aktienstraße aufgegeben werden muß, kauft der Verein ein altes Pfarrhaus an der Beutherstraße. Diese Wohngemeinschaft bietet 8 BewohnerInnen einen neuen Lebensraum.

1992 werden weitere 6 Plätze genehmigt, jedoch können keine Wohngemeinschaften entstehen, da der Verein keinen Wohnraum findet. Die sechs neuen Klienten werden im “Betreuten Einzelwohnen” betreut.

1996 folgen erneut zwei Wohngemeinschaften mit je 3 Plätzen. Der Verein mietet eine Wohnung an der Mellinghoferstraße 241 und eine weitere am Grüner Weg 22 an.

Heute bietet der Verein insgesamt 36 Betreuungsplätze, aufgeteilt in 21 Wohngemeinschafts- und 15 Einzelbetreuungsplätze.

Das Betreute Wohnen ist eine ambulante Wohnform, die sich an chronisch psychisch kranke Menschen richtet die vorübergehend zu keiner eigenständigen Lebensführung in der Lage sind. Die BewohnerInnen werden hier zwar kontinuierlich fachlich betreut, sollen jedoch so unabhängig wie möglich leben und stufenweise wieder an ein eigenverantwortliches Leben herangeführt werden.

 

Die Geschichte eines WG-Bewohners

Thomas M. gehört zu den ersten, die in eine solche Wohngemeinschaft einziehen: “Ich fühle mich wohl hier.” Seine sieben Mitbewohner nicken zustimmend. Auch sie sind froh, hier eine Bleibe gefunden zu haben. Mario Rommel zum Beispiel: “Für mich ist es das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein Gefühl von Geborgenheit habe, außer ganz am Anfang, bei meinen Eltern. Und hier habe ich wieder ein Stück Selbständigkeit gewonnen. Wir versorgen uns alle selbst und wir sorgen füreinander.” Einer kauft ein, einer wäscht ab oder putzt Bad und Küche. Für ihre Zimmer sorgen sie alleine. Und wenn einer mal seine Medikamente vergißt, erinnert ihn ein Mitbewohner sicher daran. Eine Art neue Lebensfamilie für die nächsten Jahre. Wer fit genug ist, zieht dann in eine eigene Wohnung – mit oder ohne Betreuung.

Thomas M. ist 45 Jahre alt und chronisch psychisch krank. Fast zwanzig Jahre schon. Er hört Stimmen in seinem Kopf. Manchmal sind es zwanzig gleichzeitig. Manche von ihnen kennt er. Verfolgungswahn, paranoide Psychose, lautet die Diagnose. Es fiel auf, daß Thomas M. sich mit diesen Stimmen unterhielt. Sein Arbeitgeber benachrichtigte das Gesundheitsamt, der psychiatrische Dienst kam vorbei und empfahl einen Besuch beim Psychiater. Eine ambulante Behandlung schloß sich an. Die Störung war aber so massiv, daß er in den nächsten Jahren mehrmals für einige Monate in die Klinik mußte. Arbeiten konnte Thomas M. nicht mehr. Die Abstände zwischen den Klinikaufenthalten und der Zeit, die er Zuhause verbrachte, wurden immer kürzer. Irgendwann stand fest, daß er auch nicht mehr alleine leben konnte. Er brauchte eine Betreuung rund um die Uhr. 1982 zog er mit fünf anderen zusammen in eine Wohngemeinschaft, die von Mitarbeitern der “Mülheimer Kontakte” intensiv betreut wird. In diesem geschützten Rahmen lernte er wieder, seinen Alltag zu gestalten und zu bewältigen und am sozialen Leben teilzunehmen. Dazu gehört auch, daß er täglich acht Stunden in der Werkstatt des Fliednerwerkes am Kassenberg arbeitet.

Seitdem war er nur noch zweimal in der Klinik, das letzte Mal 1986. Stimmen hört er auch heute noch, aber mittlerweile kann er damit umgehen.

 

 

Das Sozialpsychiatrische Zentrum (SPZ)

Aus dem Patientenclub entwickelte sich 1989/90 die Kontakt- und Beratungsstelle, die mit einer ABM Stelle gefördert wird. Diese, bietet ein Café für psychisch kranke Mülheimer in Räumlichkeiten an der Teinerstraße an. Seit Mitte 1991 hat die Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon ihren Sitz im Gemeindehaus “Martin-Luther-Haus” der evangelischen Altstadtgemeinde.

1991 verdichtet sich das gemeindepsychiatrische Netz in Mülheim.

Der Verein “Mülheimer Kontakte” gründet gemeinsam mit dem “Caritasverband” das Sozialpsychiatrische Zentrum, kurz SPZ genannt.

Bei dem Verein Mülheimer Kontakte sind folgende Bausteine angegliedert:

Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”

• Berufsbegleitender Fachdienst (BBD) •

• Betreutes Wohnen (BeWo) •

Beim Caritasverband Mülheim ist eine weitere Kontakt- und Beratungsstelle, die Tagesstätte für psychisch Behinderte sowie Arbeitsmaßnahmen angegliedert.
Beide Träger werden laut Kooperationsvertrag mit je einer halben Stelle vom LVR Rheinland gefördert.

1992 folgen dann noch mal zwei halbe Stellen - aufgeteilt auf beide Träger-, die durch die Stadt Mülheim finanziert werden.

 

Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”

Die Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon” der Mülheimer Kontakte e.V. berät und betreut akut und chronisch psychisch Kranke, Angehörige und Menschen in seelischen Notsituationen. Sie arbeitet mit den ambulanten und teilstationären Diensten in der Gemeinde zusammen und vermittelt zu niedergelassenen Ärzten oder gemeindenahen Kliniken. Darüber hinaus bietet sie Einzel- und Gruppengespräche an, hilft bei Arzt- oder Ämterbesuchen, bietet lebenspraktisches Training und organisiert Kultur- und Freizeitangebote.
Die Gruppe für Angehörige, das Psychoseseminar, in dem sich Betroffene, Angehörige und Mitarbeiter im Trialog austauschen, eine psychosoziale Sprechstunde, Pegasus - eine Gruppe um Präventionsmöglichkeiten bei psychotischen Erkrankungen zu erarbeiten- ,das Frühstückscafé sowie die Ferienfreizeiten ergänzen das Angebot.

Seit 1993 bringt das SPZ (Caritasverband e.V. & Mülheimer Kontakte e.V.) gemeinsam mit Betroffenen die Patientenzeitschrift “Datt is irre!” heraus. Sie ist ein Sprachrohr für die Belange psychisch Kranker in Mülheim.

 

 

Berufsbegleitender Fachdienst (BBD)

Seit Januar 1994 ist der Berufsbegleitende Fachdienst bei den Mülheimer Kontakten angegliedert.

Aufgabenschwerpunkt ist die psychosoziale Betreuung und Beratung von Menschen mit seelischen Problemen oder psychischen Erkrankungen, die im Arbeitsleben oder einer beruflichen Wiedereingliederung stehen.

Er vermittelt bei Schwierigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und versteht sich als Partner, sowohl der schwerbehinderte Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber.

Durch seinen Einsatz können oftmals Probleme beseitigt, Kündigungen vermieden und so eine Verschlimmerung der Krankheit aufgehalten werden.

Zusätzlich wird Beratung und Fortbildung von Arbeitgebern/betrieblichen Helfern in Fragen psychischer Behinderungen und ihre Auswirkungen auf den Arbeitsplatz angeboten.

Dieser Fachdienst wird von der Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland finanziert und koordiniert.

 

Heute

Innerhalb des “Sozialpsychiatrischen Zentrums” ist der Mülheimer Kontakte e.V. mit drei gemeindepsychiatrischen Bausteinen für die Stadt Mülheim an der Ruhr etabliert:

Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”

Frühstückscafe

Beratungs- und Betreuungsangebote

Kultur- und Freizeitangebote

Angehörigenhilfe

Pegasus – Gruppe

Psychoseseminar (in Kooperation mit der Tagesklinik Mülheim)

Ferienfreizeiten

etc..

 

Betreutes Wohnen (BeWo)

21 Wohngemeinschaftsplätze

15 Plätze im betreuten Einzelwohnen

 

Berufsbegleitender Fachdienst (BBD)

Auftragsfachdienst der Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland.

 

 

Kein Ruhmesblatt: Die Vorgeschichte der Gemeindepsychiatrie

1975 war die psychiatrische Versorgung in Mülheim schlichtweg unzureichend. Lediglich zwei niedergelassene Psychiater kümmerten sich um die Patienten. Akutfälle wurden in die Krankenhäuser nach Ratingen oder Essen überwiesen. Chronisch Kranke kamen in eines der zehn Landeskrankenhäuser des Landschaftsverbandes Rheinland. Die Mülheimer Langzeitpatienten kamen in die Großklinik Bedburg-Hau am Niederrhein.

Dort lebten noch zu Beginn der achtziger Jahre 3.000 Patienten unter unwürdigen Bedingungen. Von einer Intimsphäre konnte in den Krankensälen keine Rede sein; wohnen, arbeiten und Freizeit – alles nur im Klinikbereich; an eine persönliche Betreuung war nicht zu denken. Die Patienten blieben dort meist auf Lebenszeit. Ziel war die zentralisierte Versorgung in einem geschützten Rahmen außerhalb der Gesellschaft. Die Sorge lag in den Händen der Wohlfahrtspflege. Städte und Gemeinden fühlten sich für psychisch kranke Mitbürger nicht verantwortlich. Ein Konzept der Jahrhundertwende, das durch neue medizinische und therapeutische Erkenntnisse längst überholt war.

Dieser Zustand resultierte aus einem Jahrzehnte währenden Verdrängungsprozeß nach dem Ende des Naziregimes und dessen verbrecherischem Umgang mit seelisch Kranken und geistig Behinderten. Im Rahmen der nationalsozialistischen “Euthanasie” waren fast 100.000 psychisch kranke Menschen ermordet worden.

Während benachbarte Länder nach dem Zweiten Weltkrieg ihre kommunale Gesundheitsfürsorge weiterentwickelten, verharrte man in Deutschland bei der Behandlung von psychisch Kranken auf dem Stand der zwanziger Jahre. Die Unterversorgung in Mülheim zu Beginn der siebziger Jahre bildete da keine Ausnahme.

 

In guten wie in schlechten Zeiten – das gemeindenahe Konzept

In dieser stagnierenden Situation erscheint 1975 die “Psychiatrieenquete”. Sie beschreibt die Lage der Psychiatrie in Deutschland und ist auf das Drängen einiger weniger Politiker und Fachleute von einer Sachverständigenkommission verfaßt worden. Der Bericht hält die katastrophalen Bedingungen fest und formuliert Grundprinzipien für eine Reform: Die stationären Betten der Großkliniken sollen abgebaut, ein sich ergänzendes ambulantes und stationäres Versorgungsnetz in den Gemeinden aufgebaut werden. Die Angebote haben sich dabei an den Bedürfnissen der Patienten zu orientieren. Damit verlagert sich die Verantwortung von den Landschaftsverbänden auf die einzelnen Kommunen.

Der Begriff der “Gemeindepsychiatrie” war geboren. In den kommenden Jahrzehnten sollte sich die Situation für die Betroffenen entscheidend – wenn auch schleppend – positiv verändern: Integration statt Isolation, individuelle Betreuung statt anonymer Behandlung, Förderung statt Vollversorgung.

Nicht nur gesunden und körperlich kranken Mitbürgern, sondern auch psychisch Kranken einen Platz in der Gemeinde zu geben, das ist der tiefere Sinn des Begriffes “Gemeindepsychiatrie”.

 

Mülheim an der Ruhr – ein Konzept wird Wirklichkeit.

Wohnen, Arbeiten, Beratung, Behandlung und soziale Kontakte – diese Lebensbereiche sind bei einer wirksamen gemeindenahen Versorgung abzudecken, und zwar vor Ort. Dann haben die kranken Mitbürger die größten Heilungschancen.

Idealerweise ergänzen sich die Einrichtungen. Ziel aller Beteiligten ist, die größtmögliche Selbständigkeit jedes einzelnen Patienten zu erreichen – beruflich und privat. Insofern versteht sich das gesamte komplementäre System als Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Allgemeines

Das gemeindepsychiatrische Netz ist geknüpft, aber es hat noch zu weite Maschen.

Rein statistisch ist die ambulante und stationäre Versorgung abgeschlossen. Aber: Besondere Gruppen fallen weiterhin aus dem Netz heraus. Dazu gehören psychisch kranke Kinder und Jugendliche, alte Menschen und mehrfach psychisch Behinderte. Sie müssen wie bisher in anderen Städten Hilfe suchen. Hier hört der Gedanke der Gemeindepsychiatrie noch auf.

Verbesserungswürdig ist auch der häusliche ambulante Bereich. Es fehlt noch ein 24-Stunden-Dienst zur Krisenintervention. In den Abendstunden oder nach Praxisschluß ist keine Versorgung mehr vorhanden.

Ein weiteres Problem sind Wartelisten für Betreuungs- und Arbeitsplätze und immer knappere finanzielle Mittel – in der öffentlichen Kasse wie bei den Wohlfahrtsverbänden. Unter diesem finanziellen Druck ist auch die anfänglich gute Kooperation der Träger schwierig geworden. Wünschenswert wäre, wenn diese Zusammenarbeit wieder intensiviert würde. Denn auf ihr und einer guten Kommunikation basiert die optimale Versorgung der Patienten. Und darum geht’s ja!

Quelle: (vgl.) Antje Kalbe • Mülheimer Jahrbuch ´99

 

Jubiläum
 

Wann und Wo?:

• Tag der offenen Tür •

27.10.2000
 16:00 Uhr
Ort: Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”
Hagdorn 1, 45468 Mülheim (Kirchenhügel)

Programm:

Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden
Pfarrer Peter Vahsen

Erfahrungsberichte von KlientInnen, Laienhelfern, Angehörigen

Kunstausstellung von Klienten aus dem “Betreuten Wohnen”

Chor “Psychokiste”, Köln

Imbiss und Getränke

25 Jahre Mülheimer Kontakte

• Ein Zuhause und gute Freunde sind die beste Medizin •

 

Der Anfang:

ein Patientenclub
“Endlich war jemand da, mit dem ich reden konnte!”

1975 begann die Arbeit der “Mülheimer Kontakte”.

Den Anfang macht ein ambulanter Patientenclub im Gemeindehaus “Martin-Luther-Haus” der evangelische Altstadtgemeinde Mülheim. Ehrenamtliche leisten hier erste Hilfe. Psychisch Kranke erhalten von ihnen Zuspruch, können sich mit anderen austauschen. Es wird außerdem ein Besuchsdienst für Patienten in den Landeskrankenhäusern angeboten. Dem ersten Patientenclub folgt bald ein zweiter, da das Bedürfnis nach Austausch groß ist.

 

1979/80 wird ein Treffen für Angehörige von psychisch Kranken durch eine Angehörige eingerichtet. Diese Gruppe trifft sich alle 4 Wochen bis 1991, eine professionelle Mitarbeiterin die Leitung im Zuge der Eröffnung des “Sozialpsychiatrischen Zentrums” übernimmt.

 

Betreutes Wohnen (BeWo)
“Hier fühle ich mich wohl!”

1982 folgte ein entscheidender Schritt für die gemeindenahe Versorgung. Der Verein richtet die erste betreute Wohngemeinschaft an der Aktienstraße für psychisch kranke Menschen ein.

1985 werden die Mülheimer Kontakte ins Förderprogramm des Landschaftsverbandes Rheinland und der Stadt Mülheim an der Ruhr aufgenommen.
Es werden daraufhin zwei weitere Wohngemeinschaften in der Oberstraße 45 eingerichtet mit 3 bzw. 4 Plätzen.

1989 nachdem die Wohngemeinschaft an der Aktienstraße aufgegeben werden muß, kauft der Verein ein altes Pfarrhaus an der Beutherstraße. Diese Wohngemeinschaft bietet 8 BewohnerInnen einen neuen Lebensraum.

1992 werden weitere 6 Plätze genehmigt, jedoch können keine Wohngemeinschaften entstehen, da der Verein keinen Wohnraum findet. Die sechs neuen Klienten werden im “Betreuten Einzelwohnen” betreut.

1996 folgen erneut zwei Wohngemeinschaften mit je 3 Plätzen. Der Verein mietet eine Wohnung an der Mellinghoferstraße 241 und eine weitere am Grüner Weg 22 an.

Heute bietet der Verein insgesamt 36 Betreuungsplätze, aufgeteilt in 21 Wohngemeinschafts- und 15 Einzelbetreuungsplätze.

Das Betreute Wohnen ist eine ambulante Wohnform, die sich an chronisch psychisch kranke Menschen richtet die vorübergehend zu keiner eigenständigen Lebensführung in der Lage sind. Die BewohnerInnen werden hier zwar kontinuierlich fachlich betreut, sollen jedoch so unabhängig wie möglich leben und stufenweise wieder an ein eigenverantwortliches Leben herangeführt werden.

 

Die Geschichte eines WG-Bewohners

Thomas M. gehört zu den ersten, die in eine solche Wohngemeinschaft einziehen: “Ich fühle mich wohl hier.” Seine sieben Mitbewohner nicken zustimmend. Auch sie sind froh, hier eine Bleibe gefunden zu haben. Mario Rommel zum Beispiel: “Für mich ist es das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein Gefühl von Geborgenheit habe, außer ganz am Anfang, bei meinen Eltern. Und hier habe ich wieder ein Stück Selbständigkeit gewonnen. Wir versorgen uns alle selbst und wir sorgen füreinander.” Einer kauft ein, einer wäscht ab oder putzt Bad und Küche. Für ihre Zimmer sorgen sie alleine. Und wenn einer mal seine Medikamente vergißt, erinnert ihn ein Mitbewohner sicher daran. Eine Art neue Lebensfamilie für die nächsten Jahre. Wer fit genug ist, zieht dann in eine eigene Wohnung – mit oder ohne Betreuung.

Thomas M. ist 45 Jahre alt und chronisch psychisch krank. Fast zwanzig Jahre schon. Er hört Stimmen in seinem Kopf. Manchmal sind es zwanzig gleichzeitig. Manche von ihnen kennt er. Verfolgungswahn, paranoide Psychose, lautet die Diagnose. Es fiel auf, daß Thomas M. sich mit diesen Stimmen unterhielt. Sein Arbeitgeber benachrichtigte das Gesundheitsamt, der psychiatrische Dienst kam vorbei und empfahl einen Besuch beim Psychiater. Eine ambulante Behandlung schloß sich an. Die Störung war aber so massiv, daß er in den nächsten Jahren mehrmals für einige Monate in die Klinik mußte. Arbeiten konnte Thomas M. nicht mehr. Die Abstände zwischen den Klinikaufenthalten und der Zeit, die er Zuhause verbrachte, wurden immer kürzer. Irgendwann stand fest, daß er auch nicht mehr alleine leben konnte. Er brauchte eine Betreuung rund um die Uhr. 1982 zog er mit fünf anderen zusammen in eine Wohngemeinschaft, die von Mitarbeitern der “Mülheimer Kontakte” intensiv betreut wird. In diesem geschützten Rahmen lernte er wieder, seinen Alltag zu gestalten und zu bewältigen und am sozialen Leben teilzunehmen. Dazu gehört auch, daß er täglich acht Stunden in der Werkstatt des Fliednerwerkes am Kassenberg arbeitet.

Seitdem war er nur noch zweimal in der Klinik, das letzte Mal 1986. Stimmen hört er auch heute noch, aber mittlerweile kann er damit umgehen.

 

 

Das Sozialpsychiatrische Zentrum (SPZ)

Aus dem Patientenclub entwickelte sich 1989/90 die Kontakt- und Beratungsstelle, die mit einer ABM Stelle gefördert wird. Diese, bietet ein Café für psychisch kranke Mülheimer in Räumlichkeiten an der Teinerstraße an. Seit Mitte 1991 hat die Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon ihren Sitz im Gemeindehaus “Martin-Luther-Haus” der evangelischen Altstadtgemeinde.

1991 verdichtet sich das gemeindepsychiatrische Netz in Mülheim.

Der Verein “Mülheimer Kontakte” gründet gemeinsam mit dem “Caritasverband” das Sozialpsychiatrische Zentrum, kurz SPZ genannt.

Bei dem Verein Mülheimer Kontakte sind folgende Bausteine angegliedert:

Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”

• Berufsbegleitender Fachdienst (BBD) •

• Betreutes Wohnen (BeWo) •

Beim Caritasverband Mülheim ist eine weitere Kontakt- und Beratungsstelle, die Tagesstätte für psychisch Behinderte sowie Arbeitsmaßnahmen angegliedert.
Beide Träger werden laut Kooperationsvertrag mit je einer halben Stelle vom LVR Rheinland gefördert.

1992 folgen dann noch mal zwei halbe Stellen - aufgeteilt auf beide Träger-, die durch die Stadt Mülheim finanziert werden.

 

Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”

Die Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon” der Mülheimer Kontakte e.V. berät und betreut akut und chronisch psychisch Kranke, Angehörige und Menschen in seelischen Notsituationen. Sie arbeitet mit den ambulanten und teilstationären Diensten in der Gemeinde zusammen und vermittelt zu niedergelassenen Ärzten oder gemeindenahen Kliniken. Darüber hinaus bietet sie Einzel- und Gruppengespräche an, hilft bei Arzt- oder Ämterbesuchen, bietet lebenspraktisches Training und organisiert Kultur- und Freizeitangebote.
Die Gruppe für Angehörige, das Psychoseseminar, in dem sich Betroffene, Angehörige und Mitarbeiter im Trialog austauschen, eine psychosoziale Sprechstunde, Pegasus - eine Gruppe um Präventionsmöglichkeiten bei psychotischen Erkrankungen zu erarbeiten- ,das Frühstückscafé sowie die Ferienfreizeiten ergänzen das Angebot.

Seit 1993 bringt das SPZ (Caritasverband e.V. & Mülheimer Kontakte e.V.) gemeinsam mit Betroffenen die Patientenzeitschrift “Datt is irre!” heraus. Sie ist ein Sprachrohr für die Belange psychisch Kranker in Mülheim.

 

 

Berufsbegleitender Fachdienst (BBD)

Seit Januar 1994 ist der Berufsbegleitende Fachdienst bei den Mülheimer Kontakten angegliedert.

Aufgabenschwerpunkt ist die psychosoziale Betreuung und Beratung von Menschen mit seelischen Problemen oder psychischen Erkrankungen, die im Arbeitsleben oder einer beruflichen Wiedereingliederung stehen.

Er vermittelt bei Schwierigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und versteht sich als Partner, sowohl der schwerbehinderte Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber.

Durch seinen Einsatz können oftmals Probleme beseitigt, Kündigungen vermieden und so eine Verschlimmerung der Krankheit aufgehalten werden.

Zusätzlich wird Beratung und Fortbildung von Arbeitgebern/betrieblichen Helfern in Fragen psychischer Behinderungen und ihre Auswirkungen auf den Arbeitsplatz angeboten.

Dieser Fachdienst wird von der Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland finanziert und koordiniert.

 

Heute

Innerhalb des “Sozialpsychiatrischen Zentrums” ist der Mülheimer Kontakte e.V. mit drei gemeindepsychiatrischen Bausteinen für die Stadt Mülheim an der Ruhr etabliert:

Kontakt- und Beratungsstelle “MüKon”

Frühstückscafe

Beratungs- und Betreuungsangebote

Kultur- und Freizeitangebote

Angehörigenhilfe

Pegasus – Gruppe

Psychoseseminar (in Kooperation mit der Tagesklinik Mülheim)

Ferienfreizeiten

etc..

 

Betreutes Wohnen (BeWo)

21 Wohngemeinschaftsplätze

15 Plätze im betreuten Einzelwohnen

 

Berufsbegleitender Fachdienst (BBD)

Auftragsfachdienst der Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Rheinland.

 

 

Kein Ruhmesblatt: Die Vorgeschichte der Gemeindepsychiatrie

1975 war die psychiatrische Versorgung in Mülheim schlichtweg unzureichend. Lediglich zwei niedergelassene Psychiater kümmerten sich um die Patienten. Akutfälle wurden in die Krankenhäuser nach Ratingen oder Essen überwiesen. Chronisch Kranke kamen in eines der zehn Landeskrankenhäuser des Landschaftsverbandes Rheinland. Die Mülheimer Langzeitpatienten kamen in die Großklinik Bedburg-Hau am Niederrhein.

Dort lebten noch zu Beginn der achtziger Jahre 3.000 Patienten unter unwürdigen Bedingungen. Von einer Intimsphäre konnte in den Krankensälen keine Rede sein; wohnen, arbeiten und Freizeit – alles nur im Klinikbereich; an eine persönliche Betreuung war nicht zu denken. Die Patienten blieben dort meist auf Lebenszeit. Ziel war die zentralisierte Versorgung in einem geschützten Rahmen außerhalb der Gesellschaft. Die Sorge lag in den Händen der Wohlfahrtspflege. Städte und Gemeinden fühlten sich für psychisch kranke Mitbürger nicht verantwortlich. Ein Konzept der Jahrhundertwende, das durch neue medizinische und therapeutische Erkenntnisse längst überholt war.

Dieser Zustand resultierte aus einem Jahrzehnte währenden Verdrängungsprozeß nach dem Ende des Naziregimes und dessen verbrecherischem Umgang mit seelisch Kranken und geistig Behinderten. Im Rahmen der nationalsozialistischen “Euthanasie” waren fast 100.000 psychisch kranke Menschen ermordet worden.

Während benachbarte Länder nach dem Zweiten Weltkrieg ihre kommunale Gesundheitsfürsorge weiterentwickelten, verharrte man in Deutschland bei der Behandlung von psychisch Kranken auf dem Stand der zwanziger Jahre. Die Unterversorgung in Mülheim zu Beginn der siebziger Jahre bildete da keine Ausnahme.

 

In guten wie in schlechten Zeiten – das gemeindenahe Konzept

In dieser stagnierenden Situation erscheint 1975 die “Psychiatrieenquete”. Sie beschreibt die Lage der Psychiatrie in Deutschland und ist auf das Drängen einiger weniger Politiker und Fachleute von einer Sachverständigenkommission verfaßt worden. Der Bericht hält die katastrophalen Bedingungen fest und formuliert Grundprinzipien für eine Reform: Die stationären Betten der Großkliniken sollen abgebaut, ein sich ergänzendes ambulantes und stationäres Versorgungsnetz in den Gemeinden aufgebaut werden. Die Angebote haben sich dabei an den Bedürfnissen der Patienten zu orientieren. Damit verlagert sich die Verantwortung von den Landschaftsverbänden auf die einzelnen Kommunen.

Der Begriff der “Gemeindepsychiatrie” war geboren. In den kommenden Jahrzehnten sollte sich die Situation für die Betroffenen entscheidend – wenn auch schleppend – positiv verändern: Integration statt Isolation, individuelle Betreuung statt anonymer Behandlung, Förderung statt Vollversorgung.

Nicht nur gesunden und körperlich kranken Mitbürgern, sondern auch psychisch Kranken einen Platz in der Gemeinde zu geben, das ist der tiefere Sinn des Begriffes “Gemeindepsychiatrie”.

 

Mülheim an der Ruhr – ein Konzept wird Wirklichkeit.

Wohnen, Arbeiten, Beratung, Behandlung und soziale Kontakte – diese Lebensbereiche sind bei einer wirksamen gemeindenahen Versorgung abzudecken, und zwar vor Ort. Dann haben die kranken Mitbürger die größten Heilungschancen.

Idealerweise ergänzen sich die Einrichtungen. Ziel aller Beteiligten ist, die größtmögliche Selbständigkeit jedes einzelnen Patienten zu erreichen – beruflich und privat. Insofern versteht sich das gesamte komplementäre System als Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Allgemeines

Das gemeindepsychiatrische Netz ist geknüpft, aber es hat noch zu weite Maschen.

Rein statistisch ist die ambulante und stationäre Versorgung abgeschlossen. Aber: Besondere Gruppen fallen weiterhin aus dem Netz heraus. Dazu gehören psychisch kranke Kinder und Jugendliche, alte Menschen und mehrfach psychisch Behinderte. Sie müssen wie bisher in anderen Städten Hilfe suchen. Hier hört der Gedanke der Gemeindepsychiatrie noch auf.

Verbesserungswürdig ist auch der häusliche ambulante Bereich. Es fehlt noch ein 24-Stunden-Dienst zur Krisenintervention. In den Abendstunden oder nach Praxisschluß ist keine Versorgung mehr vorhanden.

Ein weiteres Problem sind Wartelisten für Betreuungs- und Arbeitsplätze und immer knappere finanzielle Mittel – in der öffentlichen Kasse wie bei den Wohlfahrtsverbänden. Unter diesem finanziellen Druck ist auch die anfänglich gute Kooperation der Träger schwierig geworden. Wünschenswert wäre, wenn diese Zusammenarbeit wieder intensiviert würde. Denn auf ihr und einer guten Kommunikation basiert die optimale Versorgung der Patienten. Und darum geht’s ja!

Quelle: (vgl.) Antje Kalbe • Mülheimer Jahrbuch ´99

 

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Zuletzt geändert am: 31.08.2005